Baby stillen

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Auf der einen Seite wird das Stillen als beste Form der Ernährung eines Babys angesehen. Dieses Wissen scheint derart verbreitet zu sein, dass manche Mutter, die sich – aus welchen Gründen auch immer – gegen das Stillen entscheidet, durchaus mit irritierten Fragen rechnen muss. Wenn eine Mutter stillt, ist sie aber auf der anderen Seite auch nicht gänzlich vor schrägen Blicken oder gar unschönen Kommentaren sicher. Eine Frage, die dann die Gemüter erhitzt, lautet: Ist auch das Stillen in der Öffentlichkeit okay? Es könnte ja zum Busenblitzer kommen, der bei Stars und Sternchen zwar mit Vergnügen, bei Müttern aber offenbar ungern gesehen ist. Um die Zwickmühle, in der sich Mütter beim Stillen befinden, etwas genauer zu ergründen, möchten wir einmal einen Blick darauf werfen, was Befürworter und Gegner über das Stillen in der Öffentlichkeit denken könnten. Vielleicht trägt dies ja zu einem besseren gegenseitigen Verständnis bei und hilft Müttern, einen individuellen Weg zu finden, mit dem sie sich wohlfühlen.

Was die Befürworter denken könnten

Baby im Cafe

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Das Hauptargument derjenigen, die das Stillen in der Öffentlichkeit befürworten, liegt auf der Hand: Stillen ist ganz natürlich! Hierzu sind die Brüste einer Frau nun einmal vorgesehen. Stillen hat somit auch nichts mit Exhibitionismus und Sexualität zu tun, sondern dient der Ernährung eines Babys und dem Aufbau einer vertrauten Beziehung zwischen Mutter und Kind. Hinzu kommt: Wer sich für das Stillen entschieden hat, muss zwangsläufig auch pragmatisch denken – ein Baby kann zu jeder Tages- und Nachtzeit hungrig werden. Würde man das Stillen in der Öffentlichkeit konsequent unterbinden wollen, könnte man – etwas überspitzt formuliert – als frischgebackene Mutter also kaum noch das Haus und das Familienbett verlassen. Den Verdacht zu haben, sich verstecken oder sich im Notfall mit dem Stillen in der Öffentlichkeit zumindest beeilen zu müssen, ist mehr als störend: Es könnte Mütter und somit auch die Kinder stressen. Und zusätzlicher Stress ist wohl das Letzte, was eine Mutter mit kleinem Kind gebrauchen kann.

Was die Gegner denken könnten

Personen, die sich gegen das Stillen in der Öffentlichkeit aussprechen, könnten sich darauf berufen, dass es sich nicht schickt, in (fremder) Gesellschaft nackte Haut zu zeigen. Stillen mag zwar etwas Natürliches sein, die Brüste einer Frau werden allerdings – zumindest, solange sie nicht stillt, – in unserer Gesellschaft auch als Symbol Nummer 1 für Sexualität angesehen. Entscheidet sich nun eine Frau für das Stillen in der Öffentlichkeit, kann dies für Verwirrung bei denjenigen sorgen, die dies (unfreiwillig) miterleben: Zum einen ist es dem Betrachter vielleicht einfach nur etwas unangenehm, diesem Moment beizuwohnen. Ein Beispiel: Einen Blick auf die Brust der Frau zu erhaschen, die eigentlich nur eine gute Kollegin ist, aber zu der auch eine gewisse Distanz herrscht und die man bisher nicht als Mutter betrachtet hat, mag manchem unpassend erscheinen.

Zum anderen – und im drastischeren Fall – sorgt die Assoziation von Brüsten mit Sexualität dafür, dass der Betrachter annimmt, das Stillen selbst hätte irgendetwas mit Sexualität zu tun. Dieser Gedanke ist für Mütter zwar abwegig, alleine dadurch, dass er aber existieren könnte, entfaltet er möglicherweise eine gewisse Macht, so dass sich Frau und Betrachter beim Stillen in der Öffentlichkeit unwohl fühlen könnten. Manche Gegner sprechen sich vielleicht auch gar nicht generell gegen das Stillen in der Öffentlichkeit aus, sondern lediglich gegen das Stillen in bestimmten Momenten – etwa beim Restaurantbesuch, da sie sich beim Essen gestört fühlen. Auch dies mag etwas seltsam erscheinen, da ja beim Stillen das Baby auch nichts anderes tut als die übrigen Restaurantgäste: nämlich Nahrung aufnehmen. Dennoch kann es dieses Unbehagen natürlich geben und es sollte nicht unbedingt komplett ignoriert werden.

Versuch einer Annäherung

Baby im Arm

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Wie so oft im Leben wäre es wunderbar, wenn sich auch der Konflikt in Sachen „Stillen in der Öffentlichkeit“ lösen ließe, indem beide Seiten einen Schritt aufeinander zugehen. Vielleicht könnte so ja etwas mehr Lockerheit und Rücksichtnahme entstehen. Beginnen wir damit, was diejenigen, die das Stillen in der Öffentlichkeit bisher störte, tun könnten. Sie könnten darauf verzichten, durch unpassende Kommentare ihre Abneigung gegen das Stillen auszudrücken und so stillende Mütter unnötig unter Druck zu setzen. Dies gelingt vielleicht am besten, indem sie sich selbst nicht dem aussetzen, was sie ablehnen: Schließlich sind Augen bewegliche Sinnesorgane und jedem steht es frei, den Blick abzuwenden, wenn er eine Frau in der Öffentlichkeit stillen sieht. Zudem sollten aber auch die eigenen Gedanken hinterfragt werden: Oft bleibt von der ersten Abneigung wenig über, wenn das eigene Unbehagen hinterfragt wird und man sich erst einmal an den vermeintlich unpassenden Anblick gewöhnt hat. Dabei kann es auch helfen, sich in die Lage der Mütter hineinzuversetzen und sich etwas mehr in Toleranz zu üben.

Kommen wir nun zu den Müttern, die das Stillen in der Öffentlichkeit gerne praktizieren möchten. Daran, dass nicht jeder dies gerne sieht, werden Mütter wohl wenig ändern können. Sie könnten aber vielleicht einen Weg finden, das eigene und fremde Unbehagen in Grenzen zu halten, ohne komplett auf das Stillen in der Öffentlichkeit zu verzichten. Hierzu scheint es notwendig, sich zunächst einmal von dem Gedanken, dass man es allen recht machen kann, zu verabschieden. Dies sorgt schon einmal für etwas mehr Lockerheit und weniger Stress. Zudem gibt es viele Möglichkeiten, das Stillen in der Öffentlichkeit so zu praktizieren, dass es zum einen beiläufig wirkt und somit weniger Aufmerksamkeit erregt, und zum anderen so, dass dabei auch nicht unnötig viel Haut zu sehen sein muss. Üben Mütter dies, nehmen sie den Gegnern schon einmal viel Wind aus den Segeln. Ein bisschen Rücksichtnahme ist also auch hier vielleicht nicht gänzlich fehl am Platz und kann Stress auf beiden Seiten verhindern.

Unnötige Belastungen ersparen sich stillende Mütter aber natürlich auch dann, wenn sie etwaige Verbote gegen das Stillen in der Öffentlichkeit, die sich aus dem Hausrecht ableiten lassen, beachten. Sollte ein solches Verbot zum Beispiel in einem Restaurant vorgesehen sein, können Stillverfechterinnen auch ihre Ablehnung dagegen zum Ausdruck bringen, indem sie dieses Lokal meiden (was sie ja dann ohnehin vielleicht müssen) und eventuell höflich den Besitzer auf den Grund ihres Verhaltens hinweisen. Auch dies, solange es zu keinen hitzigen und unsachlichen Diskussionen kommt, könnte ein Statement sein und Verantwortliche zum Nachdenken anregen.