Schwangere Frau

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Heute wünschen sich viele Frauen eine Wassergeburt, denn sie möchten auf entspannte Art und Weise entbinden und ihrem Kind einen sanften Übergang vom Mutterleib in die Außenwelt ermöglichen. Geburtskliniken und Geburtshäuser haben diesen Trend erkannt – mittlerweile verfügen die meisten von ihnen über ein Geburtsbecken, sodass Schwangere sich für eine Wassergeburt entscheiden können.

Durch den Trend hin zu Wassergeburten wird uraltes menschliches Wissen revitalisiert. Bereits im Alten Ägypten brachten die Frauen ihre Kinder im Wasser zur Welt. Diese Praxis war auch bei zahlreichen Naturvölkern üblich. Schon im Jahr 1803 fand die erste dokumentierte Wassergeburt in Frankreich statt. Erneut aufgegriffen wurde diese Art der Entbindung erst in den 1960er Jahren in der damaligen Sowjetunion. In den Ländern Westeuropas wurde die Wassergeburt zu Beginn der 1970er Jahre durch den französischen Geburtshelfer und Frauenarzt Michel Odent populär, bei dem es sich um einen Schüler Fréderick Leboyers, dem Wegbereiter der Idee einer natürlichen und sanften Geburt, handelt. In Deutschland entscheiden sich jedes Jahr etwa 5.000 Frauen, also etwas mehr als vier Prozent der Gebärenden, für eine Wassergeburt.

Die Wassergeburt – Ein sanftes Verfahren für Mutter und Kind

Um eine „echte“ Wassergeburt handelt es sich eigentlich nur dann, wenn sowohl die Eröffnungs- als auch die Austreibungsphase – also die gesamte Geburt – in der Geburtswanne erfolgt und das Kind unter Wasser auf die Welt kommt. De facto wechseln jedoch die meisten Frauen zwischen dem Geburtsbecken und anderen Orten hin und her, wobei auch dieses Prozedere landläufig als Wassergeburt bezeichnet wird. Hält sich eine Frau während der Geburt im warmen Wasser auf, profitiert sie auf unterschiedliche Art und Weise davon: Einerseits hat sie weitaus mehr Bewegungsfreiheit als außerhalb des Wassers und andererseits wird sie vom Gewicht des Babybauches entlastet. Zudem werden durch das Vollbad die Wehentätigkeit unterstützt und zugleich die Entspannung gefördert. Diverse Studien belegen, dass bei einer Wassergeburt seltener Dammrisse oder Dammschnitte erfolgen und auch weniger Schmerzmittel notwendig sind. Befürworter einer sanften Geburt glauben, dass das Kind durch eine Wassergeburt einen besonders stressfreien und sanften Start ins Leben hat, denn sie sind zunächst – wie im Mutterleib von Fruchtwasser – von warmem Wasser umgeben.

Schwangere Frau hält ihren Bauch

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Wie funktioniert eine Wassergeburt?

Bei einer Geburt im Wasser verbringt die Gebärende sowohl die Eröffnungs- als auch die Austreibungsphase im Geburtsbecken. Dabei bleibt es der Frau überlassen, welche Stellung sie darin einnimmt, denn die Geburtswanne ist groß genug, sodass sie jede gewünschte Position einnehmen kann. Außerhalb der Wanne befinden sich der Partner der Gebärenden, sowie die Geburtshelfer und unterstützen sie. Geburtswannen, die auch genügend Platz für den Geburtspartner bieten, sind bis dato in den meisten Kliniken kaum gebräuchlich.Viele Geburtsbecken haben einen tiefen, bequemen Einstieg und verfügen über Seile, Griffe oder feste Tücher, die über die Wanne gespannt sind, als Haltevorrichtungen. Die ideale Wassertemperatur liegt zwischen 36 und 38 Grad Celsius.

Das warme Wasser fördert während der Eröffnungsphase die Entspannung. Zudem kann es wehenfördernd sein. Allerdings kann ein Vollbad auch gegensätzlich wirken, sodass die Eröffnungswehen nachlassen oder sogar ganz verschwinden. Ist dies der Fall, sollte die Wassergeburt nach spätestens einer halben Stunde abgebrochen werden. Kehren die Wehen in regelmäßigen Abständen und stark zurück, ist ein erneuter Versuch möglich.

Im Verlauf der Austreibungsphase kann die Gebärende die Wanne jederzeit verlassen. Zahlreiche Frauen ruhen sich auch in der Übergangsphase – also bevor die Austreibungsphase beginnt – außerhalb des Beckens ein wenig aus. Bleibt die Frau stattdessen im warmen Wasser, können die Wehen schwächer werden. Diese Reaktion des Körpers erfolgt, da die für Mutter und Kind gleichermaßen anstrengende Geburt unmittelbar bevorsteht, es handelt sich also um eine Entspannungsreaktion. Von vielen werdenden Müttern wird die Geburtswanne vor allem zur Entspannung genutzt, allerdings bringen sie ihr Kind dann im Kreißsaal zur Welt.

Wird ein Kind tatsächlich unter Wasser geboren, legen es die Geburtshelfer der Mutter auf den Bauch. Solange sich Mutter und Kind noch in der Wanne befinden, wird das Baby, um es warmzuhalten, in regelmäßigen Abständen mit warmem Wasser begossen. Die Nabelschnur wird normalerweise noch in der Geburtswanne durchtrennt, während die Nachgeburt meist außerhalb des Beckens erfolgt. Natürlich kann die Plazenta auch im Wasser geboren werden. Nach der Geburt sollte die Frau die Geburtswanne allerdings bald verlassen, denn aufgrund der Geburtswunden besteht eine etwas erhöhte Infektionsgefahr.

Ist eine medizinische Geburtsüberwachung auch unter Wasser möglich?

Die Herztöne des Kindes und die Wehenstärke werden auch im Geburtsbecken kontinuierlich überwacht. Hierfür werden wasserfeste und kabellose Kardiotokografen (CTGs) verwendet. Sollte ein Dammschnitt notwendig sein, kann dieser vom Beckenrand aus vorgenommen werden. Bei einer Wassergeburt ist dieser Eingriff jedoch deutlich seltener nötig, als bei anderen Geburtsarten. Sollten plötzlich Komplikationen auftreten, muss die Gebärende das Becken umgehend und dauerhaft verlassen. Keinesfalls sollte die werdende Mutter während der Wassergeburt allein gelassen werden. Vielmehr sollten stets Helfer da sein, um die Frau im Notfall so schnell wie möglich aus dem Becken heben zu können. Beim Verlassen des Beckens kann es bei der Frau zu Kreislaufstörungen kommen, deshalb sollte sie stets von zwei Personen gestützt werden. Direkt nach der Wassergeburt sollten Mutter und Kind gut warmgehalten werden. Die gebräuchlichste Methode ist es, beide in ein großes Handtuch oder eine Decke einzuwickeln. Auf diese Weise haben sie direkten Hautkontakt, so dass das Bonding zwischen Mutter und Kind gefördert wird.

Welche Risiken bestehen bei einer Geburt im Wasser?

Gegner von Wassergeburten führen als Argumente an, dass für Mutter und Kind durch starke Blutungen während der Geburt oder verunreinigtes Wasser eine erhöhte Infektionsgefahr besteht. Zudem befürchten sie, dass Wasser in die Lungen des Neugeborenen gelangen könnte. Zahlreiche Studien belegen jedoch, dass in der Praxis beide Risiken nur eine geringe Rolle spielen. Neugeborene Babys besitzen – und zwar in der Regel bis zu einem Alter von vier Monaten – den sogenannten Tauchreflex, der dafür sorgt, dass das Baby nicht versucht, zu atmen, solange es sich mit dem Kopf unter Wasser befindet. Bei einer Geburt im Wasser wird der Kopf des Neugeborenen von der Hebamme oder dem Arzt unmittelbar nach der Geburt über die Wasseroberfläche gehoben. Erst dann macht das Baby seinen ersten Atemzug.

Wassergeburt

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Eignet sich eine Wassergeburt für alle Schwangeren?

Verläuft eine Schwangerschaft komplikationslos und erwarten die Gynäkologen keine besonderen Risiken, kann ohne Vorbehalte eine Wassergeburt durchgeführt werden. Grundsätzlich sollte die Schwangerschaft für eine Geburt im Wasser mindestens bis Ende der 36. Schwangerschaftswoche fortgeschritten sein. In bestimmten fällen sollten werdende Mütter jedoch von einer Wassergeburt absehen:

  • sehr große Babys oder Mehrlingsgeburten
  • Frühgeburten
  • komplizierte Geburtslage wie zum Beispiel die Beckenendlage
  • „grünes“ Fruchtwasser mit einer hohen Konzentration an Kindspech (Mekonium)
  • bei einer Plazenta mit unzureichenden Versorgungsreserven
  • Vorerkrankungen der Frau wie zum Beispiel Präeklampsie, Bluthochdruck oder Diabetes
  • auffällige Herztöne des Kindes
  • bei einer zweiten Schwangerschaft Komplikationen bei früheren Geburten
  • systemische oder vaginale Infektionen der Gebärenden wie zum Beispiel HIV, Herpes oder Hepatitis

Zudem sollte das Geburtsbecken bei Übelkeit und Kreislaufproblemen der Mutter umgehend verlassen werden. Eine Spinalanästhesie oder eine Periduralanästhesie (PDA) können bei einer Geburt im Wasser nicht verabreicht werden. Sind die Wehenschmerzen zu stark, ist ein Wechsel in den Kreißsaal möglich.

Eine Geburt im Wasser sollte geplant sein

Schwangere, die eine Wassergeburt in Betracht ziehen, sollten dies frühzeitig mit ihrem Gynäkologen oder ihrer Hebamme besprechen. Ein zeitweiser Aufenthalt in der Geburtswanne ist zwar heute in vielen Kliniken möglich, eine „echte“ Wassergeburt dagegen nicht. So bedarf es diesbezüglich meist etwas Zeit, um den passenden Geburtsort für das Baby zu finden. Bei der Wahl des Kranken- oder Geburtshauses sollte darauf geachtet werden, dass das Personal entsprechend ausgebildet ist und die Klinik bereits Erfahrungen mit Geburten im Wasser hat. Zudem sollten sich werdende Mütter informieren, ob die Geburtswanne zum voraussichtlichen Entbindungstermin zur Verfügung steht. Frauen, die sich eine Wassergeburt wünschen, sollten sich auch mit Müttern austauschen, die diese Erfahrung bereits gemacht haben. Außerdem kann man schon während der Schwangerschaft durch Aqua Yoga oder Ähnliches Erfahrungen im Wasser sammeln. Diese können oft hilfreiche Tipps für den Geburtsverlauf geben. Teils wird dieses Thema auch in Geburtsvorbereitungskursen angesprochen.